Auch genannt: digitale Sphäre, digitale öffentliche Kommunikation.
Digitale Öffentlichkeit bezeichnet die Gesamtheit der online vermittelten Kommunikation, die grundsätzlich über einen begrenzten privaten Kreis hinaus wahrgenommen, aufgegriffen oder weiterverbreitet werden kann. Dazu gehören etwa öffentlich sichtbare Beiträge in sozialen Netzwerken, Kommentare unter Medienangeboten, offene Foren, Videoportale, Suchergebnisse und die digitalen Auftritte von Institutionen. Sie ist kein einzelner Ort und auch nicht mit einer bestimmten Plattform gleichzusetzen. Das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation nennt Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Videoportale als mediale Intermediäre, die Informationen vermitteln und damit den öffentlichen Diskurs verändern.bidt: Digitale Öffentlichkeit
„Öffentlich“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass alle Menschen einen Beitrag tatsächlich sehen. Entscheidend ist die prinzipielle Zugänglichkeit oder Anschlussfähigkeit über den ursprünglichen Austauschkreis hinaus. Sichtbarkeit kann sich zudem rasch ändern: Ein Beitrag mit wenigen Reaktionen bleibt möglicherweise in einer kleinen Teilöffentlichkeit; ein anderer wird zitiert, geteilt oder von Medien aufgegriffen. Zugang zum Internet und tatsächliche Nutzung sind dafür Voraussetzungen, aber noch keine Garantie für Beteiligung oder Reichweite. Eurostat erhebt Zugang und Nutzung im Haushalt- und Personenbereich getrennt und ordnet den Zugang zu unterschiedlichen Inhalten einem pluralistischen öffentlichen Diskurs und wirksamer demokratischer Teilhabe zu.Eurostat: Digital economy and society statistics
Digitale Öffentlichkeit entsteht, wenn Inhalte veröffentlicht, gefunden, bewertet und weitergegeben werden. Einzelpersonen, Redaktionen, Vereine, Behörden und Unternehmen können Beiträge bereitstellen; andere Personen können darauf mit Antworten, Verweisen, Reaktionen oder eigenen Beiträgen Bezug nehmen. So bilden sich thematische Debatten, lokale Gruppen oder auch voneinander getrennte Teilöffentlichkeiten. Anders als bei einem gedruckten Text ist der Weg vom Veröffentlichen zur Rezeption jedoch oft technisch vermittelt: Eine Suche, ein Feed, eine Empfehlung oder ein geteilten Link entscheidet mit darüber, welchen Inhalt jemand zuerst sieht.
Plattformen übernehmen dabei eine infrastrukturelle Rolle. Sie legen mit Kontoregeln, Meldewegen, Schnittstellen und Gestaltung der Oberfläche fest, wie Beiträge eingestellt, gefunden und beantwortet werden können. Zugleich ordnen viele Dienste Inhalte nach Signalen wie Aktualität, Beziehungen, bisherigen Interaktionen oder vermuteter Relevanz. Das Bertelsmann-Arbeitspapier zur digitalen Öffentlichkeit beschreibt genau diesen Strukturwandel: Nicht die Möglichkeit zu veröffentlichen, sondern die Verteilung von Aufmerksamkeit wird zum Engpass; algorithmische Prozesse können Mitteilungen in sozialen Netzwerken und Suchmaschinen priorisieren.Bertelsmann Stiftung: Digitale Öffentlichkeit
Diese Vermittlung macht die Plattform nicht zur Urheberin jeder Aussage. Sie prägt aber die Bedingungen, unter denen Aussagen sichtbar werden, auf Widerspruch stoßen oder unbemerkt bleiben. Deshalb ist digitale Öffentlichkeit mehr als die Summe aller Postings. Zu ihr gehören auch Regeln der Moderation, die Gestaltung von Empfehlungs- und Suchsystemen, technische Zugänglichkeit sowie die Fähigkeit der Nutzenden, Quellen einzuordnen.
In digitalen Räumen treffen unterschiedliche Ziele aufeinander: Meinungsäußerung und Beteiligung sollen möglich sein; zugleich müssen Dienste gegen rechtswidrige Inhalte, Belästigung oder Betrug vorgehen. Moderation kann Beiträge entfernen, einschränken oder Konten betreffen. Nach Darstellung der Europäischen Kommission müssen Anbieter unter dem Digital Services Act Nutzenden bei Moderationsentscheidungen klare und konkrete Begründungen geben; außerdem besteht ein Recht, Entscheidungen anzufechten.Europäische Kommission: Auswirkungen des DSA auf Plattformen
Auch die Auswahl ist relevant. Die Kommission erläutert, dass Nutzende nachvollziehen können sollen, auf welcher Grundlage Plattformen Inhalte in Feeds ordnen; sehr große Plattformen müssen eine Option anbieten, personalisierte Inhalte abzuschalten.Europäische Kommission: Auswirkungen des DSA auf Plattformen Daraus folgt nicht, dass ein nicht personalisierter Feed automatisch ausgewogen ist. Er zeigt aber, warum die Frage „Was wird sichtbar?“ ebenso zur digitalen Öffentlichkeit gehört wie die Frage „Wer darf etwas sagen?“.
Eine Stadt kündigt online eine neue Verkehrsführung an. Die Verwaltung veröffentlicht die Karte auf ihrer Website und verlinkt sie in einem offenen sozialen Netzwerk. Anwohnende stellen Rückfragen, lokale Initiativen veröffentlichen Gegenvorschläge, eine Lokalredaktion zitiert einzelne Beiträge und eine Suchmaschine verweist auf die Ankündigung. Dadurch wird das Thema über den Kreis der ursprünglichen Abonnierenden hinaus diskutierbar. Die digitale Öffentlichkeit besteht hier nicht nur aus dem ersten Beitrag der Stadt, sondern aus der verknüpften Kommunikation und der Frage, welche Beiträge auffindbar und sichtbar werden.
Gleichzeitig ist Reichweite kein Qualitätsurteil. Ein stark geteiltes Bild kann ohne Kontext missverstanden werden; ein sachlicher Hinweis kann wegen geringer Sichtbarkeit kaum wahrgenommen werden. Für die Praxis helfen daher überprüfbare Quellen, verständliche Links auf Primärinformationen und nachvollziehbare Regeln für Kommentare. Wenn die Stadt Kommentare begrenzt oder einzelne Beiträge entfernt, sollte klar sein, nach welchen Regeln das geschieht und welche Beschwerdewege bestehen.
Ein privates Netzwerk ist nicht allein deshalb digitale Öffentlichkeit, weil es technisch online ist. Eine geschlossene Familiengruppe oder ein Ende-zu-Ende-verschlüsselter Chat ist zunächst auf einen abgegrenzten Personenkreis gerichtet. Inhalte können zwar nach außen gelangen, doch der Zweck und die erwartete Zugänglichkeit unterscheiden sich von einem öffentlich sichtbaren Forum. Das bidt weist bei „Dark Social Media“ gerade auf Kommunikationsdienste hin, die für Dritte nicht einsehbar sind, obwohl sie gesellschaftliche Diskurse beeinflussen können.bidt: Digitale Öffentlichkeit
Von Plattformökonomie unterscheidet sich der Begriff ebenfalls: Plattformökonomie beschreibt vor allem Markt- und Vermittlungsbeziehungen zwischen verschiedenen Gruppen. Digitale Öffentlichkeit richtet den Blick dagegen auf Kommunikation, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Meinungsbildung. Beide Perspektiven können sich überschneiden, wenn kommerzielle Plattformen Diskurse vermitteln, sind aber nicht identisch.
Digitale Teilhabe fragt wiederum stärker danach, ob Menschen Zugang, Kompetenzen und reale Möglichkeiten zur Nutzung digitaler Angebote haben. Sie ist eine Bedingung dafür, dass unterschiedliche Stimmen in einer digitalen Öffentlichkeit vorkommen können; sie beschreibt aber nicht selbst, wie Aufmerksamkeit verteilt oder Debatten geführt werden.